Hörbahn
Mit den inneren Haarzeilen kontaktieren im Corti-Organ die ersten afferenten Neurone der Hörbahn. Ihre Perikaria liegen im Ganglion spirale. Jede innere Haarzelle steht mit etwa 10 afferenten Neuronen in Verbindung. Jedes Neuron ist genau einer inneren Haarzelle zugeordnet, die tonotope Zuordnung setzt sich also in der Hörbahn fort. Die äußeren Haarzellen stehen kaum mit afferenten Neuronen in Verbindung, dagegen kontaktieren sie mit über 90% der efferenten Neurone, die wohl einen modulierenden Einfluss auf die Funktionstüchtigkeit der äußeren Haarzellen haben.
Das neuronale Signal erreicht über 4-6 Verschaltungen den auditorischen Kortex, wobei das Prinzip der Tonotopie bis in den auditorischen Kortex erhalten bleibt. In den höher gelegenen Abschnitten der Hörbahn nimmt die Zahl der efferenten Fasern, die den Informationsfluss kontrollieren, zu. Ferner nimmt die Anzahl der Neurone in den höheren Hörbahnabschnitten zu, die Hörbahn zeigt damit eine Diversifikation. Im Einzelnen sollen folgende Stationen der Hörbahn erwähnt werden: die ersten Neurone als Teil des Nervus cochlearis, dessen Axone mit den inneren Haarzellen in Verbindung stehen und dessen Kerne im Ganglion spirale liegen; die zweiten Neurone, dessen Kerne im Nucleus cochlearis ventralis oder dorsalis liegen. Im Nucleus cochlearis sind die Fasern noch ungekreuzt. Schon nach Verlassen des Nucleus cochlearis kreuzt ein Großteil der Fasern zur Gegenseite, um zum Nucleus olivarius superior (3. Neuron) zu ziehen. Anschließend ziehen die Fasern weiter im Lemnis-cus lateralis (zum Teil mit eigenem 4. Neuron im Nucleus lemnisci lateralis) zum Colliculus inferior der Vierhügelplatte (4, Neuron). Danach ziehen sie weiter zum Corpus geniculatum mediale, einem Teil des Thalamus (5. Neuron), um schließlich in der Heschl-Querwindung im dorsalen Bereich des Temporallappens (Brodmann-Areae 41-42) zu enden.
Physiologie der Cochlea und der Hörbahn
Trifft nun Schall als mechanische Energie von der Sta-pesfußplatte im ovalen Fenster auf die Scala vestibuli, wird diese mechanische Energie als Druckwelle durch die Perilymphe geleitet. Da die Basilarmembran entlang der zweieinhalb Schneckenwindungen unterschiedlich breit und unterschiedlich rigide ist (breiter und dünner in Richtung Helicotrema), wird sie frequenzspezifisch an genau einer Stelle maximal ausgelenkt. Dies ermöglicht eine Frequenzdispersion in der Cochlea und eine tonolope Zuordnung des Schalls (Wanderwelle nach B£k£sy). Die langwelligen, tiefen Frequenzen erzeugen nahe der Schneckenspitze Richtung Helicotrema eine Auslenkung, die kurzwelligen, hohen Frequenzen erzeugen eine Auslenkung nahe der Basis der Schnecke, Richtung ovalem Fenster. Die Auslenkung der Basilarmem-bran erzeugt wiederum eine Druckwelle in der darunterliegenden Scala tympani, was einen Schallabfluss über das runde Fenster ermöglicht.
Durch die erwähnte frequenzspezifische Bewegung der Basüarmembran an genau einer Stelle kommt es zu einer Verschiebung zwischen Lamina tectoria und dem Sinneszellen tragenden Teil des Corti-Organs. Dies führt zur Deflexion der Stereozilien der äußeren Haarzellen nach lateral, was wiederum eine Depolarisation durch die Öffnung von Kaliumkanälen hervorruft. Die äußeren Haarzellen kontrahieren sich mit einer Frequenz bis zu 30.000 Hz. Verantwortlich für dieses als Elektromotilität bezeichnete Phänomen ist das „Motorprotein* Prestin in der Zellmembran der äußeren Haarzelle. Den äußeren Haarzellen kommen aus heutiger Sicht zwei Funktionen zu: Erst durch den Einfluss der äußeren Haarzellen kann eine ausreichend hohe Trennschärfe der Frequenzen erreicht werden. Ferner ermöglichen die äußeren Haarzellen eine Verstärkung des ansonsten zu geringen Reizes für die inneren Haarzellen bei einem Schalldruck unter 50 (-80) dB. Man bezeichnet daher die äußeren Haarzellen als „cochleären Verstärker". Diese Eigenschaft der äußeren Haarzellen, durch Kontraktion selbst eine Schalldruckwelle zu erzeugen, wird in der Audiometrie genutzt bei der Ableitung otoakustischer Emissionen.
Ist der akustische Stimulus ausreichend stark, depolarisiert auch die innere Haarzelle und stimuliert über den Transmitter Glutamat die primären auditorischen Neurone, die mit ihr verbunden sind. Mit jeder inneren Haarzelle sind etwa 10 afferente Neurone verbunden. Jedes Neuron ist genau einer inneren Haarzelle zugeordnet. Es gibt also etwa 30.000 dieser ersten Neurone der Hörbahn in jeder Cochlea. Dies ist der Schlüssel für die Lautstärkeanalyse in der Cochlea: Ein hoher Schalldruckpegel erzeugt ein hohes präsynaptisches Rezeptorpotenzial. Je höher das Rezeptorpotenzial, desto höher wird die Frequenz der Aktionspotenziale im afferenten Neuron, bis sie sich bei wenigen 100 Hz sättigt. Dies würde nicht ausreichen, um den gesamten dynamischen Bereich von 120 dB abzudecken. Es ist daher notwendig, dass jede innere Haarzelle von mehreren Neuronen mit unterschiedlicher F.rregungsschwelle kontaktiert wird. Über die o.g. Hörbahn wird das elektrische Signal zum auditorischen Kortex geleitet.
Auszug aus dem Werk: Pädiatrische HNO-Heilkunde mit freundlicher Genehmigung des Elsevier Verlags
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