Kindliche Entwicklung
Die bedeutendsten Veränderungen bezüglich Wachstum und Entwicklung finden vor der Geburt statt: Aus einer Zelle entsteht ein Neugeborenes.
Embryonale Phase
Zwischen der 4. und 8. Woche beginnt sich die Embryonalplatte von lateral zu falten, ein Längenwachstum findet statt und „Knospen" der oberen und unteren Extremität erscheinen. Vorstufen der Skelettmuskulatur, Wirbelkörper wie auch Kiemenbögen (aus denen Unterkiefer, Oberkiefer, Gaumen, Außenohr und andere Halsbzw. Kopfstrukturen entstehen) werden erkennbar. Die grobe Struktur des gesamten Nervensystems ist aufgebaut. Am Ende der 8. postkonzeptionellen Woche endet das Embryonalstadium, Anlagen aller wichtigen Organe sind vorhanden, der Embryo wiegt 9 Gramm und ist 5 cm lang.
Fetale Phase
Ab der 9. postkonzeptionellen Woche (fetale Periode) erfolgt eine massive Zunahme der Zellzahl und Zellgröße, ebenso kommt es zu strukturellen Umbauvorgängen in den Organen.
Ab der 10. Woche kehrt die „Darmanlage" aus der in-traumbilikalen Lage in den Bauchraum zurück und dreht gegen den Uhrzeigersinn, dabei gelangen Magen, Dünndarm und Dickdarm in die Normallage.
Ab der 12. Woche ist das Geschlecht des Kindes bereits makroskopisch erkennbar, ebenso bilden sich Bronchien, BronchioH.
Ab der 20.-24. Woche entstehen primitive Alveolen, Surfactant wird produziert.
Im 3. Trimenon verdreifacht sich das Gewicht, die Länge verdoppelt sich.
Vom Neugeborenenalter bis zum Ende des 2. Lebensmonats
Tag 1 bis Tag 28 werden als Neugeborenenperiode definiert. Unmittelbar nach der Geburt schaut das Neugeborene aufmerksam umher und beginnt zu saugen, sobald ein Gegenstand die Lippen berührt. Die maximale Sehschärfe des Neugeborenen stellt in etwa die Distanz von der Mutterbrust zum Gesicht der Mutter dar. Das Sehen ist auf Gesichter fixiert, das Hören auf weibliche Stimmen. Diese erste Wachheitsphase dauert ca. 40 Minuten, eine Somnolenzperiode schließt sich an.
Die wichtigsten physiologischen Umstellungen vom intrauterinen auf das extrauterine Leben betreffen die Belüftung der Lunge, die Veränderung des Blutkreislaufs und die Aktivierung des Gastrointestinaltrakts. Das Neugeborene muss selbstständig Nahrung fordern, die Körpertemperatur regulieren sowie durch Äußerung von Unbehagen für Sicherheit sorgen, es muss also mit dem gesamten Sensorium reagieren.
Bis zu 10% des Geburtsgewichts verliert das Neugeborene postpartal, sollte es aber bis zum 14. Lebenstag wieder zugenommen haben. Die Gewichtszunahme im ersten Lebensmonat beträgt ca. 30 g pro Tag. Die Grobmotorik scheint ungeplant zu verlaufen, so wechselt Fausten mit Handöffnen ohne ersichtlichen Grund. Im Gegensatz hierzu werden Kopfwendung und Blickfolge (z.B. mütterliche Stimme) wie auch Saugen bewusst kontrolliert, was Perzeption und Kognition beweist. Ein 3 Wochen altes Neugeborenes kann erkennen, ob das Gehörte mit der Bewegung der beobachteten Lippen korreliert!
Die emotionale Entwicklung während dieser Periode umfasst die Bildung des „Urvertrauens" (erstes Stadium der psychosozialen Entwicklung nach Erikson). Das Vertrauen wird geschaffen, indem die grundlegenden Bedürfnisse des Kindes durch liebevolle Pflege erfüllt werden.
2-6 Monate
Die Gewichtszunahme verringert sich auf ca. 20 g pro Tag. So genannte „Primitivreflexe" gehen allmählich verloren, so kann der Säugling z.B. durch Verschwinden des asymmetrisch-tonischen Nackenstellreflexes Gegenstände in der Mittellinie mit beiden Händen inspizieren und durch Verschwinden des Greifrellexes Zielobjekte fallen lassen, um sich anderen Dingen zuzuwenden...
6-12 Monate
Der Säugling lernt frei zu sitzen (mit ca. 7 Monaten) und sich im Sitzen zu drehen (mit ca, 9-10 Monaten), er erweitert dadurch seinen Aklions- und Explorationsra-dius. Der PinzettengritT (um den 9. Lebensmonat) erlaubt das Ergreifen kleiner Objekte. Er beginnt zu krabbeln und sich hochzuziehen, viele erlernen das freie Laufen vor dem ersten Geburtstag. Das Zahnen setzt gewöhnlich mit dem Durchbruch der unteren 2 Schneidezähne ein.
Diese Lebensphase stellt aus kognitiver Sicht die „orale" Phase dar: Alles landet im Mund, zwischendurch werden die Gegenstände weggeworfen, aufgehoben, angesehen, von einer in die andere Hand gereicht, auf den Boden geschlagen und wieder landen sie im Mund. An der Komplexität dieses „Spiels" lässt sich der Grad der kognitiven Entwicklung feststellen.
Einen weiteren „Meilenstein" der kognitiven Entwicklung stellt die Objektpermanenz dar: Auch wenn etwas versteckt wird, existiert es weiter (ca. um den 9. Lebensmonat).
Die emotionale Entwicklung führt zum betonten „Fremdeln" und zu den „Trennungsängsten", vor allem auch nachts. Autonomiebestrebungen treten zutage: Der Löffel wird der fütternden Person entrissen oder das MundÖflnen verweigert. Wutanfälle treten auf.
Silben werden nun häufiger gesprochen (ca. 8.-10. Lebensmonat), werden wiederholt, das erste Wort wird gesprochen.
12-18 Monate
Die Wachstumsgeschwindigkeit nimmt ab, der „Babyspeck" wird durch größere Mobilität verbraucht, die Lendenlordose nimmt zu, dadurch kommt es zum „ausladenden" Abdomen. Bis zum 18. Lebensmonat laufen alle Kinder frei. Objektexploration steht nun im Vordergrund, neue Objektkombinationen werden erprobt, nicht selten zieht man eine Socke aus dem Videorecorder. Spielsachen werden allmählich zweckgebunden benutzt (z.B. Kamm zum Kämmen, Becher zum Trinken), Erwachsene werden in ihren Handlungen nachgeahmt. Durch die Bewegungsfreiheit ändert sich die Stimmung der Kleinkinder - sie sind permanent in Bewegung, lautieren, beschäftigen die Eltern. In fremder Umgebung entfernen sie sich von den Eltern, kehren dann schnell zurück, berühren sie, als ob sie sich ihrer Anwesenheit versichern wollten, um dann wieder das Weite zu suchen - und blicken nochmals kurz zurück.
Mit 15 Monaten werden mehrere Wörter spontan und korrekt gesprochen.
18-24 Monate
Im Vordergrund steht die motorische Weiterentwicklung: Gehen mit mehr Sicherheit, beginnendes Laufen, Treppensteigen.
Die Objektpermanenz ist gefestigt, „Ursache und Wirkung" werden nun häufiger erkannt und verstanden. Hilfsmittel werden gebraucht (z.B. ein Stöckchen, um an einen schwer erreichbaren Gegenstand zu gelangen), symbolisches Spielen (z.B. Puppe füttern aus einem leeren Teller) nimmt zu.
Die erlangte Bewegungsfreiheit, das sich zunehmende Entfernen wird nun durch eine Phase der Wiederannäherung abgelöst - ein „Haften" wird (um den 18. Lebensmonat) beobachtet: Keinen Schritt können die Eltern sich entfernen, ohne das Kind am Bein kleben zu haben. Schmusetiere oder ein Stück Tuch werden symbolisch als Elternersatz beim Zubettgehen hergenommen. Das Selbstbewusstsein keimt auf - im Spiegel betrachtet, erkennen sich die Kinder selbst.
Der größte Sprung erfolgt in der sprachlichen Entwicklung: Der Wortschatz explodiert, mit 18 Monaten werden ca. 10-15 Wörter beherrscht, mit 24 Monaten 100 oder mehr Gegenstände können benannt werden. Zwei-Wort-Sätze werden gebildet. Diese verbale Explosion löst die sensomotorische Periode ab.
Auszug aus dem Werk: Pädiatrische HNO-Heilkunde mit freundlicher Genehmigung des Elsevier Verlags
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